von Silke Schmidt
"Das höchste Ziel im Karate-Do ist nicht der Sieg oder die Niederlage, sondern die Perfektion des menschlichen Charakters", lehrte Karate-Großmeister Gichin Funakoshi seine Schüler. »Do« bedeutet »Weg« und ist ein Begriff, der in den traditionellen asiatischen Kampfkünsten noch heute eine wichtige Rolle spielt. Denn für viele, die sich regelmäßig im Karate oder Judo, im Kendo, Aikido, im Kung Fu oder Taijiquan üben, ist die Kampfkunst prägender Bestandteil ihres Lebens: Durch die Kampfkunst bilden sie ihren Charakter, lernen eigene Schwächen kennen und arbeiten daran, diese zu kontrollieren oder zu beseitigen. Einige solcher Kampfkünstler haben Uschi Schlosser-Nathusius und Florian Markowetz für ihr Buch »Kampfkunst als Lebensweg« interviewt, darunter Fritz Nöpel (Mitbegründer des Deutschen Karateverbandes), Rainer Jättkowski (Präsident des Deutschen Kendobundes) oder Thomas Schmidt-Herzog (Lehrer für Zen-ryu Kempo und Escrima).
Kampfkunst und Kampfsport sind für Fritz Nöpel zwei grundverschiedene Dinge: Sportkarate etwas sei auf den Wettkampferfolg ausgelegt. Merkmale des traditionellen Karate - etwa die Vermittlung von Werten wie Höflichkeit, Respekt oder Pünktlichkeit an die Schüler und damit auch die Charakterbildung - würden im Sportkarate hingegen allzu oft vernachlässigt. Lothar Ratschke betont auch den mentalen Aspekt der Kampfkunst: "Den Feind kampflos zu besiegen, das ist die höchste Kunst", zitiert er Funakoshi und fügt hinzu: "Ich muss die Kampfkunst draußen nicht benutzen, nur meine neuen mentalen Fähigkeiten, meine charakterliche Stärke."
Sich die persönliche Eigenständigkeit zu bewahren, ein eigenes Profil zu entwickeln und nicht in der Einheit der Masse zu verschwinden, ist auch für den Kendoka Rainer Jättkowski Ziel seines Trainings. Einen ähnlichen Ansatz betont Thomas Schmidt-Herzog: "Ein Kennzeichen traditioneller chinesischer Kampfkunst ist, dass sie die innere Kraft betont, die unabhängig von der Muskelkraft sein soll."
Die Geisteswelt hinter dem Kampf
Florian Markowetz und Uschi Schlosser-Nathusius selbst werfen in einem ausführlichen und gut strukturierten Essay einen fachkundigen Blick auf die Geisteswelt, die den asiatischen Kampfkünsten zugrunde liegt. Leider erst ab Seite 121, in der Mitte ihres Buches: Gerade für Leser, die sich noch nicht sehr intensiv mit den traditionellen Kampfkünsten beschäftigt haben, wäre es sinnvoll, zuerst ein wenig über die Spiritualität der Kampfkünste, über ihren Ursprung, über die Bedeutung der »Lebensenergie« Qi im Kampfkunstkontext und über die Rolle von Daoismus, Buddhismus oder Zen zu erfahren. Denn genau auf diese Aspekte gehen auch die befragten Kampfkünstler in den Interviews ein, die als zusammenhängende Texte niedergeschrieben wurden - und die oft nur mit ein wenig Vorbildung nachzuvollziehen sind.
Wünschenswert für interessierte, aber noch nicht vorgebildete Leser wäre außerdem ein Glossar zum Nachschlagen von Fachbegriffen gewesen: Zwar werden im Text auftauchende Worte wie Do (Weg), Qi (innere Kraft, Lebensenergie) oder Shinai (Trainingsgerät aus Bambus, das Kendo-Kämpfern das Schwert ersetzt) meist erklärt. Manche werden leider auch als bekannt vorausgesetzt: etwa die aus dem Karate stammenden Begriffe »gyaku tsuki« oder »mae geri«. Dahinter verbergen sich übrigens ein seitenverkehrter Fauststoß und ein gerader Fußtritt mit dem hinteren Bein nach vorne.
© Darmstädter Echo - 20. 08. 2005