Bensheimer Fernsehjournalistin Uschi Schlosser-Nathusius hat ein Buch über Kampfkünste herausgegeben
Interview im Bergsträßer Anzeiger, 24. 08. 2005
Bergstraße. Wenn Uschi Schlosser-Nathusius ein Parkhaus betrat, fürchtete sie jedesmal, Opfer eines Überfalls zu werden. Um die Angst zu überwinden, begann die Fernsehjournalistin aus Bensheim vor acht Jahren, Karate zu lernen - mit Erfolg. Die Kampfkunst begleitet sie seither durchs Leben. Zusammen mit ihrem Lehrer veröffentlichte die heute 52-Jährige sogar ein Buch zum Thema. Im Gespräch mit dem Bergsträßer Anzeiger erzählt Schlosser-Nathusius, was sie an der asiatischen Kampfform schätzt.
Der Titel Ihres Buches lautet "Kampfkunst als Lebensweg". Sind Sie ein gewaltliebender Mensch?
USCHI SCHLOSSER-NATHUSIUS: Nein, überhaupt nicht (lacht). Im Karate finden Sie vor allem Menschen, die nicht zu den Kraftprotzen zählen. Unter den Schülern gibt es viele Leute, die einer körperlichen Auseinandersetzung aus dem Wege gehen. Genau das ist übrigens auch eine der wichtigsten Regeln in der Kampfkunst Karate: Man kämpft nur im äußersten Notfall.
Sie benutzen den Begriff "Kampfkunst". Gibt es einen Unterschied zum Kampfsport?
SCHLOSSER-NATHUSIUS: Das ist Ansichtssache. Aber man kann sagen, dass man Kampfkunst - im Gegensatz zum Sport - dann ausübt, wenn einem der Hintergrund dessen, was man da tut, wichtiger ist als der Wettbewerb. In meinem Verein, der Karateabteilung der SSG, legen wir zum Beispiel sehr viel Wert auf die traditionelle Überlieferung und den geistigen Hintergrund.
In Ihrem Buch lassen Sie erfahrene Meister erzählen, die die unterschiedlichsten Kampfkünste zu ihrem Lebensweg gemacht haben. Was sind das für Menschen?
SCHLOSSER-NATHUSIUS: Das sind überaus faszinierende Persönlichkeiten. Die Menschen, die wir im Buch vorstellen, haben in der Tat die Kampfkunst zu ihrem Lebensweg gemacht. Die machen nichts anderes, und sie nehmen dafür finanzielle Risiken in Kauf. Das beeindruckt mich sehr, auch wenn ich selbst so nicht leben könnte. In meinem Fall ist es eher so, dass die Kampfkunst mich auf meinem Lebensweg begleitet.
Was macht die asiatischen Kampfkünste für Europäer interessant - neben Karate gibt es ja noch Judo, Aikido, Taekwondo und zahlreiche weitere?
SCHLOSSER-NATHUSIUS: Vermutlich, dass man sich einer Kampfkunst wirklich komplett verschreiben kann, man kann sein ganzes Leben danach ausrichten. In der westlichen Tradition gibt es nichts vergleichbares, womit sich Körper und Geist gleichzeitig schulen lassen. Außer mit den "harten" Kampfkünsten wie Karate kann man sich ja noch mit meditativen Formen wie Qi Gong oder Zen beschäftigen.
In China sagt man, dass die Kampfkünste in das "große Ganze" eingebunden sind. Philosophie und Spiritualität spielen eine wichtige Rolle in den Kampfkünsten.
SCHLOSSER-NATHUSIUS: Das stimmt. Hinter den Kampfkünsten steckt die fernöstliche Weisheitslehre - allerdings ist die nicht so verkopft wie die westliche Philosophie und daher viel einfacher zu verstehen. Um Karate zu lernen, muss man sich nicht unbedingt damit auseinander setzen, doch wenn ich mich weiterentwickeln will, komme ich irgendwann nicht mehr drumherum.
Einer der Menschen, die wir in unserem Buch portraitiert haben, hat gesagt, dass sich auf der Kampffläche "Laborsituationen" seines Lebens ergeben, beim Kampf kann er sein Verhalten in Konflikten beobachten. Die Kampfkünste sind also weitaus mehr als nur Kämpfe. Ich muss mich ständig mit mir selbst auseinander setzen.
Sie sind Mutter einer Tochter, verheiratet, und arbeiten als Fernsehjournalistin, einem Beruf, in dem Sie ziemlich stark eingespannt sind. Woher haben Sie die Energie für Karate genommen?
SCHLOSSER-NATHUSIUS: Wenn man abends ausgepumpt nach Hause kommt, muss man sich entscheiden: Entweder ich lasse mich mit einer Tüte Chips auf das Sofa fallen und gucke Fernsehen, oder ich gehe ins Training. Ich habe mich für das Training entschieden. Das Schöne am Karate ist, dass man die ganze Zeit aufpassen muss. Ich bin so konzentriert, dass ich alles andere vergesse kann. Das entspannt und gibt mir neue Energie.
Wie sind Sie zum Karate gekommen?
SCHLOSSER-NATHUSIUS: Ich habe beim SSG Bensheim vor acht Jahren einen Selbstverteidigungskurs gemacht, weil ich in Parkhäusern immer Angst hatte, überfallen zu werden. Im Anschluss an den Kurs habe ich angefangen, regelmäßig Karate zu trainieren, was anfangs eine recht langweilige Angelegenheit ist: Man wiederholt ständig die gleichen Formen (kata). Doch auch das ist Teil der Übung: nach 15 Wiederholungen hört man innerlich auf zu rebellieren - man schaltet ab. Mein erster Lehrer hieß übrigens Florian Markowetz, mit ihm habe ich nun zusammen das Buch herausgegeben.
© Bergsträßer Anzeiger - 24.08.2005
Foto: Dietmar Funck / Bergsträßer Anzeiger